Genogramm-Arbeit: Die Familie und
ihre Geschichte verstehen
(und warum dich das von deinen Blockaden und alten Mustern befreit)
Inhalt
Das unsichtbare Korsett: Warum du manchmal feststeckst – und wie familiäre Muster wirken
„Warum kriege ich das nicht hin? Warum reagiere ich so extrem? Wieso passiert mir immer wieder der gleiche Mist?“
Kennst du Situationen, in denen du dich über dein eigenes Verhalten nur noch wundern kannst? In denen du merkst, dass du dich selbst sabotierst – privat oder im Beruf – obwohl du eigentlich weißt, was du willst?
Und dann versuchst du, mit Willenskraft und Disziplin dagegen anzukämpfen, und nichts klappt so wirklich?
Die Wahrheit ist: Du kämpfst nicht gegen mangelnde Stärke oder falsche Entscheidungen – du kämpfst gegen alte Muster, die dein Leben begleiten, ohne, dass du dich jemals bewusst dafür entschieden hast.
Weißt du denn, welche unsichtbaren Erwartungen, Ängste und Aufträge in deiner Familie eine Rolle spielen, und warum diese einmal wichtig waren? Bevor du dich also selbst wieder als „zu sensibel“, „zu kompliziert“ oder „nicht belastbar genug“ abtust, lohnt sich ein Blick auf das, was vor dir war.
Genogramm-Arbeit ist die richtige Methode, wenn du nicht mehr blind nach diesen verborgenen Mechanismen funktionieren, sondern dein Leben endlich selbstbestimmt führen magst.
In diesem Artikel zeige ich dir, wie diese systemische Spurensuche funktioniert und wie du damit Antworten auf deine Fragen bekommst. Du erfährst, wie du ein Genogramm erstellst und die verborgenen Aufträge, Glaubenssätze und Loyalitäten in deinem Familiensystem erkennen und bewusst loswerden kannst. Viele deiner Eigenartigkeiten sind nämlich wahrscheinlich sinnvolle Reaktionen – aber auf Ereignisse, die heute keine Rolle mehr spielen.
“Du bist nicht falsch.
Du kennst nur noch nicht die ganze Story.”
Viele Menschen glauben, mit ihnen persönlich stimme etwas nicht. Dass sie „zu empfindlich“, „zu kompliziert“ oder einfach „nicht belastbar genug“ wären.
Die Wahrheit ist oft viel einfacher – und viel leichter zu verdauen:
Du bist gar nicht das Problem.
Dir fehlt nur ein wichtiger Teil der Informationen.
Wir alle handeln nicht im luftleeren Raum.
Deine Muster, deine Trigger und deine innere Alarmanlage sind kein persönlicher Defekt, sondern das Ergebnis von Geschichten, die früh in deinem Leben oder weit vor dir passiert sind.
Wenn du nur die letzten 10, 20 oder 30 Jahre deines Lebens anschaust, fehlt dir vielleicht der Kontext. Dann kann es schon passieren, dass dein Verhalten „unlogisch“ oder „überzogen“ wirkt.
Wenn du aber die vorherigen Generationen mit einbeziehst und das, was ihnen passiert ist, beginnen viele Angewohneiten plötzlich Sinn zu ergeben, z. B.
Warum du Hammer bist im Funktionieren – aber so gar nicht darin zu sagen, was dich nervt.
Dass du abends noch stundenlang darüber nachdenkst, ob der beiläufige Kommentar deiner Kollegin heute in der Teamsitzung dir gegolten hat.
Warum du dir nichts sehnlicher wünschst, als gute Freundschaften – aber die besten Gelegenheiten dafür verpasst, weil du nicht glauben kannst, dass man dich mag.
Das alles sind keine Charakterfehler.
Es sind Antworten deines Unterbewusstseins auf Erfahrungen, die in deiner Familie einmal (überlebens)wichtig waren.
Genogramm-Arbeit hilft dir, diese Zusammenhänge zu sehen, die Auslöser zu verstehen und zu erkennen, welche deiner Kinks dorthin passen. Mit dem vollständigen Bild kannst du dann anfangen, nach und nach zu verändern, was davon nicht mehr zu dir gehören soll.
Was sind transgenerationale Muster – und wie erklärt die Genogramm-Analyse ihr Auftreten?
Transgenerationale Muster – was dahintersteckt
In vielen Familien wiederholen sich bestimmte Themen – ganz egal, ob es um Gefühle, Glaubenssätze oder typische Konflikte geht. Man übernimmt Rollen, die man nie bewusst gewählt hat („die Starke“, „der Vermittler“, „die Angepasste“). Man reagiert in Situationen plötzlich genauso wie die Eltern oder Großeltern – obwohl man es eigentlich anders machen wollte.
Solche Wiederholungen entstehen, wenn Erfahrungen, unausgesprochene Erwartungen, Scham, Loyalitäten oder ungelöste Verletzungen über Generationen weitergegeben werden – oft völlig unbemerkt – und nie hinterfragt werden.
Diese Dynamiken nennt man transgenerationale Muster.
Und was hat Epigenetik damit zu tun?
Die Epigenetik erklärt das Ganze auf körperlicher Ebene. Sie zeigt:
Stress, Trauma, Mangel oder starke Belastungen können chemische Markierungen auf unserer DNA hinterlassen – ohne die Gene selbst zu verändern. Diese Markierungen steuern, wie aktiv bestimmte Gene sind. Und: Sie können an die nächste Generation weitergegeben werden. Man kann sich das wie einen An-/Aus-Schalter oder einen Verstärker vorstellen, der zum Beispiel unsere „Angst vor dem Unbekannten“ hypersensibel macht. Dann brauchst du dich nicht zu wundern, wenn du immer lieber die anderen vor dir ins Restaurant gehen lässt, anstatt als erste den Raum zu betreten.
Mit anderen Worten:
Unsere Vorfahr:innen geben nicht nur Geschichten und Erziehungsstile weiter, sondern manchmal auch körperliche Stresssensitivitäten oder emotionale Reaktionsmuster, die schon am Tag deiner Zeugung zu dir gehört haben.
Diese Marker haben die Angewohnheit, über einige Generationen aktiv zu bleiben. Man geht heute davon aus, dass sie sich nach etwa drei Generationen abgeschwächt haben – sofern ihre Bedeutung nicht wieder bestätigt wurde! Das heißt konkret: wenn die Angst nicht durch ein erneutes Trauma wieder aktualisiert wurde.
Hartnäckig also, außer, und das ist an dieser Stelle die gute Botschaft, wir überschreiben diese Funktion aktiv mit einem neuen Programm und entwickeln Handlungsmöglichkeiten, die wir anwenden können, wenn wir unseren alten Mustern bewusst begegnen.
Beides greift ineinander
Das Familiensystem gibt also bestimmte Einstellungen, Rollen und Verhaltensweisen weiter, und der Körper möglicherweise erhöhte Alarmbereitschaft oder Stressreaktionen, wenn Generationen vorher extreme Belastungen erlebt haben.
Man kann sich das so vorstellen: Unsere Familiengeschichte schreibt Strategien und Verhaltensweisen nicht nur in unser Denken hinein, sondern auch in unseren Körper. Alte Erfahrungen hinterlassen dort feine Spuren – und manchmal reagieren wir auf heutige Situationen heftiger als ntig, da sie alten Situationen ähneln, und so das gespeicherte Programm auslösen.
Deshalb kommt es vor, dass Menschen heute unter Ängsten, Unsicherheiten oder inneren Konflikten leiden, die nicht vollständig aus den Erfahrungen ihres eigenen Lebens erklärbar sind.
Typische Signale, an denen du erkennst, dass du ein Familienmuster lebst
Menschen spüren, wenn „irgendwas“ in ihnen rumort, das nicht wirklich zu ihrem heutigen Leben passt. Folgende Hinweise könnten dir anzeigen, dass auch bei dir alte Geschichten nachwirken:
Beziehung & Verhalten
- Du willst alles im Griff haben und hast Mühe, anderen wirklich zu vertrauen.
- Du bist generell lieber auf Abstand – oder aber viel schnell zu eng dran..
- Du vermeidest Konflikte oder übernimmst gern mal Verantwortung, die nicht deine ist.
- Du funktionierst für andere – und deine eigenen Bedürfnisse stehen immer hinten an.
- Du landest immer wieder in ähnlichen Beziehungsmustern, obwohl du es besser weißt.
Innere Überzeugungen
- Sätze wie „Reiß dich zusammen“ oder „Was sollen denn die anderen denken?“ begleiten dich schon ewig.
- Du fühlst dich verpflichtet, Erwartungen zu erfüllen, die nie klar ausgesprochen wurden.
- Traditionen, Rollen oder Familienregeln bestimm(t)en deinen Weg – oft ohne dass du es gemerkt hast.
Körper & Psyche
- Migräne, Schlafprobleme oder innere Unruhe tauchen ohne erkennbaren Auslöser auf.
- Du hast das Gefühl, dein Körper reagiert sensibler, als dein aktuelles Leben eigentlich hergibt.
Emotionale Reaktionen
- Du reagierst übermäßig stark auf Kleinigkeiten: Stress, Kritik, Nähe, Unsicherheit.
- Bestimmte Themen in der Familie lösen sofort Druck, Scham oder Enge aus.
- Es gibt Tabus, über die niemand spricht – und allein der Gedanke daran macht dich unruhig.
- Du fühlst dich oft leer, schuldig oder überverantwortlich, ohne klaren Grund.
Wiederkehrende Lebensmuster
- Beziehungen scheitern auf ähnliche Weise.
- Finanzielle oder berufliche Rückschläge kommen „wie aus dem Nichts“.
- Du übernimmst unbewusst die unerfüllten Träume oder Ängste deiner Eltern oder Großeltern.
Genogramm-Arbeit gibt dir den Überblick, wie diese Symptome in deine Geschichte passen – und die Freiheit, das Alte und Unangenehme bewusst abzustreifen.
Genogramm erstellen: Vom Stammbaum zur emotionalen Landkarte deiner Familie (Guide)
Was ist ein Genogramm – und was unterscheidet es von einem Stammbaum?
Ein Genogramm sieht auf den ersten Blick einem Stammbaum sehr ähnlich. Man sieht darauf dich, deine Familie mit Eltern, Geschwistern, deinen Partner und vielleicht eure Kinder. Dazu die vorherigen Generationen deiner Großeltern oder sogar noch die Urgroßeltern, jeweils die Lebensdaten und die Orte, an denen sie leben oder lebten.
An dieser Stelle ist ein Stammbaum mehr oder weniger fertig – und das Genogramm noch lange nicht, denn neben den belegbaren Fakten deiner biologischen Familie zeichnet ein Genogramm in bunter und ausführlicher Weise nach, wer all diese Menschen tatsächlich sind oder waren. Es macht die Familie sichtbar und spürbar, zeigt Lebensumstände auf, z. B. politische oder soziale Ereignisse, Kriege, Epidemien, Krisen, wirtschaftlicher Umschwung, Umzüge, Krankheiten, oder Charaktereigenschaften (jähzornig, umsorgend, humorvoll…), Berufe, Neigungen und markante Lebensereignisse (Flucht, früher Tod der Mutter…). Wichtige Personen, die nicht direkt zur Familie gehören, bekommen ebenso ihren Platz, wie sogar auch Haustiere, Orte und Szenen aus der Erinnerung, die für den Ersteller des Genogramms wichtig sind. Was da entsteht, ist der der Diercke-Atlas deiner Familie, topografische, politische, soziale und emotionale Landkarte, alles in einem.
Genogramm-Typen in der Praxis: Welche Form für welche Fragestellung?
Genogrammarbeit gibt es in unterschiedlichen Varianten, je nachdem, welche Fragen im Vordergrund stehen. In der Praxis haben sich mehrere Formen etabliert: Diese Vielfalt ermöglicht es, je nach Zielsetzung genau die Themen sichtbar zu machen, die für Veränderung und Verstehen entscheidend sind.
strukturelle Genogramme (Familien-, Beziehungs-, Verantwortungs- und Rollengenogramme)
emotionale und psychodynamische Genogramme (emotionale Muster, Trauma- und Belastungen, Werte, Kommunikation, Ressourcen)
gesundheitsbezogene Genogramme (medizinische und psychiatrische Muster)
sozialwissenschaftlich orientierte Genogramme (sozioökonomische und migrationsbezogene Entwicklungen)
Selbstreflexion: Erste Hinweise für dein Genogramm und deine Familienmuster
Bevor du tatsächlich mit Symbolen, Linien und Generationen startest, brauchst du eine erste Orientierung. Die Antworten auf ein paar einfache Fragen zeigen dir oft schon, wohin du in deinem Genogramm schauen solltest.
1) Welche Sätze aus deiner Kindheit tauchen in deinem Erwachsenenleben immer wieder auf?
Beispiele: „Reiß dich zusammen.“ – „Sei brav und mach keinen Ärger.“ – „Streng dich mehr an.“
Diese Sätze sind oft direkte Spuren zu transgenerationalen Loyalitäten und inneren Aufträgen.
2) Wofür wurdest du als Kind gelobt – und wofür nicht?
Wertschätzung und Entzug von Wertschätzung zeigen oft die impliziten Regeln eines Familiensystems:
Leistung? Harmonie? Unsichtbarkeit? Fleiß? Stärke?
3) Welche familiäre Geschichte wird immer wieder erzählt – und welche wird konsequent verschwiegen?
Wiederholte Geschichten formen Identität – verschwiegene Geschichten formen Blockaden. Denk mal darüber nach, ob es in eurer Familie Heldengeschichten gibt, oder Erzählungen, die immer wieder als Beispiel für das Verhalten einer bestimmten Person wiederholt werden? Gibt es einen Teil der Familie, über den du sehr viel weißt, und einen Teil, von dem kaum erzählt wird?
Beides ist Gold wert für die Genogramm-Arbeit.
Mit diesen Antworten hast du schon ein paar erste Hinweise gefunden, was in deiner emotionalen Familienlandkarte sichtbar werden könnte – noch bevor du die ersten Kreise und Quadrate zeichnest.
Der Prozess der systemischen Familienanalyse: Sichten, Erkennen, Handeln
1. SICHTEN – Daten sammeln, Gespräche führen und erste Genogramm-Hinweise finden
Du musst nicht erst in Archiven sitzen, bevor du ein Genogramm zeichnest. Jeder weiß genug über seine Familie, um sofort zu beginnen. Das Sammeln von Informationen entsteht oft ganz automatisch, sobald man anfängt zu zeichnen: Während du Personen einträgst, fallen dir plötzlich Details ein, tauchen Fragen auf oder du merkst, dass du etwas nachfragen willst. Die Spurensuche und das Zeichnen laufen in der Praxis meist parallel – Schritt eins kommt manchmal erst richtig in Fahrt, während Schritt zwei schon läuft.
Mehr Unterstützung zur konkreten Suche nach Fakten findest du unter Familienforschung (Suchen & Finden) und in meinem persönlichen Einblick Warum ich Ahnenforschung mache.
2. ERKENNEN – Muster, Loyalitäten und Familienaufträge sichtbar machen
Beim Zeichnen ergibt sich oft der erste Aha-Moment: Muster werden sichtbar, ohne dass dafür alle Daten perfekt sein müssen. Ein unfertiges Genogramm zeigt genauso viel wie ein vollständiges – nur eben an anderen Stellen. <br>Genau so war es bei meiner Klientin Stef: Erst durch die ersten Skizzen wurde klar, wie stark die Themen Flucht, Mangel und Sicherheit ihre beruflichen Entscheidungen beeinflusst hatten. Das genauere Nachfragen bei der Familie kam bei ihr erst während der Analyse.
Die ausführliche Fallgeschichte findest du in der Case-Study zu Stefs Fragestellung „Vom Sollen zum Wollen“.
3. HANDELN – Muster lösen und neue Entscheidungen treffen
Wenn Muster sichtbar werden, entsteht Bewegung. Im Coaching arbeiten wir genau damit: Wir lösen alte Bindungen und Aufträge, stärken innere Erlaubnisse und machen neue Handlungen möglich. Dieser Schritt passt sich immer an deinen Prozess an – egal, ob du schon viel weißt oder erst währenddessen herausfindest, wo du genauer hinschauen willst.
Wie dieser Weg aussehen kann, beschreibe ich unter Biografisches Coaching 1:1.
Wie das konkret aussehen kann, zeigt dir ein Beispiel aus meiner eigenen Familie – mit all ihren Brüchen, Stärken und blinden Flecken.
Genogramm-Beispiel aus der Praxis: Von starken Frauen und ihren Schwächen
Eine Familiengeschichte – und was sie uns über emotionale Muster zeigt
Nehmen wir die Geschichte meiner Ur-Ur-Großmutter Lina (geb. 1871). In einem Genogramm würden sofort mehrere belastende Muster sichtbar: Armut, Mangel, fehlende Sicherheit – und das permanente Gefühl, als Frau Krisen allein bewältigen zu müssen.
Linas Lebensumstände waren so von Not geprägt, dass sie eines ihrer Kinder, die kleine Erna, an ein kinderloses Ehepaar abgeben musste, weil sie es schlicht nicht ernähren konnte. Ihre älteste Tochter Helene blieb zu Hause, half beim Lebensunterhalt und entwickelte später eine starke Freude an Genuss und kleinen Luxusmomenten – allerdings auf Kosten der notwendigen Pflichten und oft auch auf Kosten der Bedürfnisse anderer, einschließlich ihrer eigenen Tochter.
Hildegard, dieses uneheliche Kind, wuchs mit einer unberechenbaren Mutter und dem Stigma des „Unerwünschtseins“ auf. Bei ihr führte das zu einem lebenslangen Bedürfnis, gesehen und wertgeschätzt zu werden – und dazu, sich selbst immer wieder mit schönen Dingen zu beschenken, als Ausgleich für das, was emotional gefehlt hatte.
Wie Mangel, Not und Unsicherheit sich in einem Genogramm zeigen
Alle drei Frauen – Lina, Helene und Hildegard – haben Not, Mangel und widrige Umstände erlebt. Der Überlebensmodus prägte jede von ihnen, aber auf unterschiedliche Weise:
- Lina: existenzieller Mangel und strukturelle Armut, Abgabe eines Kindes aus Not.
- Helene: Mangel und Chancenarmut, Genuss und Luxus als Kompensation, gleichzeitig Vernachlässigung anderer Bedürfnisse.
- Hildegard: Mangel und emotionale Armut, tiefes Bedürfnis nach Anerkennung, Sensibilität für vermeintliche Benachteiligung.
Es geht nicht um Schuld, sondern um Verständnis
Ein Genogramm zeigt keine Täter:innen, sondern Muster: Überleben, Mangel, Anpassung, ungewollte Weitergabe von Belastungen. Wer diese Linien erkennt, versteht das Verhalten der eigenen Familie plötzlich anders. Und genau daraus entsteht Verzeihen – nicht, weil alles „okay“ war, sondern weil man die Logik dahinter sieht. Verstehen entlastet. Und das ist der Punkt, an dem Veränderung beginnt.
Schaut man auf diese Linie im Genogramm, versteht man schnell, warum meine Oma selbst im Alter nie zufrieden mit der Aufmerksamkeit war, die sie bekam. Dieses Loch war im Alter nicht zu flicken, denn es ging im Grunde noch immer um ihre Kindheit und Jugend, in der sie vor allem emotional immer hungrig war.
Die ganze Geschichte findest du in Von meiner Oma, einem Holzlöffel und dem Verzeihen.
Langfristige Stärkung: Vom Mitwisser zum Gestalter deiner Familiengeschichte
Den Kreislauf durchbrechen: Alte Familienmuster nicht weitergeben
Wenn du die familiären Muster einmal verstanden hast, wirst du handlungsfähig. Du musst nicht wiederholen, was vorher war – weder den Mangel, noch die Überforderung, noch die stillen Erwartungen, die nie zu dir gehört haben. Ein Genogramm hilft dir, genau diese alten Lasten zu identifizieren und bewusst zu unterbrechen, damit sie nicht an die nächste Generation weiterwandern.
Verborgene Ressourcen erkennen: Was deine Ahnen dir sonst noch mitgegeben haben
Zwischen all den Brüchen findest du auch etwas anderes: Kraft, Durchhaltevermögen, Kreativität, Humor, Überlebenswillen. Familien geben nicht nur Belastungen weiter, sondern auch Fähigkeiten, die oft unbewusst wirken. Wenn du diese Ressourcen erkennst, kannst du sie gezielt nutzen – als innere Basis für Entscheidungen, die wirklich aus dir kommen.
Mit der Familie sprechen (oder auch nicht): Grenzen setzen
Nicht jede Erkenntnis gehört auf den Familientisch. Manchmal ist ein Gespräch hilfreich, manchmal wäre es reiner Stress. Wichtig ist, dass du entscheidest: über Kontakt, über Nähe, über Distanz. Ein Genogramm schafft die Klarheit, die du brauchst, um Grenzen zu setzen – respektvoll, aber eindeutig.
Genogramm-Symbole: Die Sprache deiner emotionalen Familiengeschichte verstehen
Damit man von der Komplexität eines Genogramms nicht erschlagen wird, gibt es einige Regeln, an die man sich beim Erstellen halten sollte. Das sind vor allem einige Symbole, auf die man sich geeinigt hat: ein Kreis steht für weiblich, ein Quadrat für männlich. Die Männer werden immer links gezeichnet, die Frauen rechts.
Die Kinder werden chronologisch von links nach rechts eingetragen.
Eine durchgezogene Linie zwischen zwei Partnern steht für eine Beziehung, sie kann mit Symbolen für Ehe, Trennung und Scheidung versehen werden.
Weitere Symbole existieren für Kinder einer Beziehung, die während der Schwangerschaft oder Geburt verstarben, Zwillingskinder, adoptierte Kinder oder Kinder in Pflegschaft.
Zu Beginn legt man außerdem fest, in welcher Form man Lebensdaten einträgt – das richtet sich oft nach der Fragestellung, die dem Genogramm zugrunde liegt.
Darüber hinaus können weitere Symbole und Assoziationen frei erfunden werden, denn das Genogramm ist eine persönliche Angelegenheit und muss in den allermeisten Fällen nur vom Ersteller verstanden werden. Trauer/Depression, Alkoholismus, Spielsucht, Hobbys und Leidenschaften, Krankheit, Regionen, Landschaften – all das darf mit Symbolen und kleinen Bildern, aber auch mit Stichpunkten und Kommentaren ergänzt werden.
Die wahre Herausforderung in der Gestaltung des Genogramms besteht darin, emotionale Dynamiken abzubilden.
Dies geschieht mithilfe von symbolhaften Linien, die die Art und die Intensität einer Beziehung darstellen können, etwa eine durchgezogene Linie für Nähe, eine gestrichelte für Distanz oder eine Zickzacklinie für Konflikte.
Genogramm erstellen Schritt für Schritt: Eine klare Anleitung für den Start
Eines vorweg: du wirst ganz sicher das erste und vielleicht sogar das zweite Blatt wieder zusammenknüllen, weil du zu wenig Platz gelassen hast. Das passiert immer wieder, selbst wenn man schon viele Genogramme gezeichnet hat, denn Familien sind wahnsinnig komplex. Wir erinnern uns nicht an alle Personen gleichermaßen, verändern Geschwisterreihen nachträglich, flicken “vergessene” Onkel später ein und hüpfen generell beim Erinnern gern innerhalb der Jahrzehnte hin und her. Es ist normal und bei jedem Genoramm eine Herausforderung, schon am Anfang einer Komplexität Raum geben zu wollen, von der man erst nur das grobe Bild erahnt.
Also einige Tipps für den Anfang: Lieber Bleistift, als Filzer. Gleich ein großes Blatt nehmen. Immer Platz lassen zwischen einzelnen Personen und zwischen den Generationen (es muss ja auch noch Platz für schöne Zeichnungen sein!), und nicht den Anspruch haben, dass diese Version gleich die perfekte sein wird. Ich mache meistens eine erste “Schmierversion” und erstelle am Ende das fertige Genogramm nochmal neu, so dass alle Personen und Informationen an der richtigen Stelle stehen.
Ansonsten gehst du am besten so vor:
Sammle Informationen
Trage im Vorfeld alle relevanten Daten zusammen zu den Familienmitgliedern wie Geburts- und Sterbedaten, Beruf, wichtige Lebensereignisse, Beziehungsqualitäten, Geschichten und Anekdoten. Nutze Feste und Familienfeiern ausführlich für deine neugierigen Fragen und mach dir Notizen (das Gedächtnis verschluckt die Details, wenn man ihm nicht hilft).
Konkretisiere deine Frage
Lege fest, was du herausfinden willst: interessieren dich Beziehungsmuster, irritierende Verhaltensweisen, gesundheitliche Probleme oder Rollenbilder und emotionale Dynamiken?
Beginne mit der Index-Person
Du startest mit dir selbst in der unteren Generation. Zeichne dich relativ mittig – je nachdem, ob du die Erste oder das Nesthäkchen bist eher links oder rechts – und umrahme dich. Lass unter dir etwas Platz für deine eigene Familie mit Partner und Kindern, wenn du magst. Von hier aus baust du das Genogramm dann logisch nach oben auf: Papa links, viereckig, Mama rechts, rund…
Skizziere die Generationen von unten nach oben
Deine Eltern und deren Geschwister samt Partner:innen, wenn du möchtest, zeichnest du in der Ebene darüber. Die Großeltern und weitere Generationen entsprechend darüber – jeweils in horizontalen Ebenen.
Ergänze relevante/interessante Informationen
Je nach Fragestellung fügst du jetzt weitere Details: Krankheiten, Rollen, emotionale Muster, Belastungen oder Ressourcen.
Zeichne ausgeprägte Beziehungen ein
Mit symbolhaften Linien Nähe, Distanz, Konflikte, Trennungen oder Koalitionen markieren.
Die häufigsten Fehler bei der Genogramm-Methode – und wie du sie vermeidest
Zu viele Daten sammeln – und dich in der Genogramm-Erstellung verlieren
Viele starten mit dem Anspruch, erst alles herauszufinden. Das führt fast immer zu Überforderung. Du brauchst keine vollständige Familienchronik. Starte mit dem, was du weißt, und ergänze später – gezielt, nicht flächendeckend.
Nur im Kopf bleiben – und die emotionale Bedeutung deiner Familiengeschichte übersehen
Wer das Genogramm rein technisch zeichnet, bleibt emotional auf Abstand. Der Effekt: Erkenntnisse bleiben flach. Entscheidend ist, beim Zeichnen auch die eigene Reaktion wahrzunehmen: Irritation, Traurigkeit, Wut, Erleichterung. Genau dort beginnt Biografiearbeit.
Leere Stellen interpretieren, statt sie offen zu lassen
Leere Stellen werden gerne mit Fantasie gefüllt. Das bringt nichts. Wenn du etwas nicht weißt, markiere es als „offen“ und lass es stehen. Ein ungeklärter Punkt ist informativer als eine erfundene Erklärung.
Beziehungsmuster übersehen, weil du nur auf Symbole schaust
Viele starren auf Daten, aber übersehen das Entscheidende: Beziehungsqualitäten. Nähe, Distanz, Konflikte, Koalitionen – das sind die Stellen, an denen sich Muster zeigen. Achte nicht nur auf die Linien, sondern auf das, was sie bedeuten.
Das Genogramm als Schuldzuweisung nutzen – statt als Analyse-Tool
Ein häufiger Fehler ist, das Genogramm als Beweis dafür zu lesen, „wer schuld ist“. Das blockiert. Ein Genogramm zeigt Zusammenhänge, keine Täter. Wer verstehen will, muss die Perspektive wechseln – weg von Schuld, hin zu Logik und Kontext.
Wie sicher ist Genogrammarbeit? Trigger, Selbstschutz und Grenzen erkennen
Ressourcen zuerst: Was du brauchst, um stabil zu bleiben Genogrammarbeit kann alte Gefühle anstoßen – Traurigkeit, Wut, Scham, Loyalitätskonflikte. Deshalb ist wichtig, dass du währenddessen auf deine inneren Ressourcen zugreifen kannst: Boden unter den Füßen, ein klarer Kopf, ein Gefühl von „Ich halte das aus“. Wenn du merkst, dass du rutschig wirst – Pause. Kein Genogramm ist wichtiger als Stabilität.Überforderung erkennen: Die klaren körperlichen und emotionalen Warnsignale?
Sobald dein Nervensystem reagiert, du festhängst oder die Story dich eher runterzieht als weiterbringt. Besonders dann, wenn du
- alte Verletzungen wieder spürst,
- dich schämst oder innerlich klein wirst,
- in alte Rollen zurückfällst (z. B. „Ich muss stark sein“, „Ich darf nichts fühlen“),
- oder dich beim Zeichnen emotional verhedderst.
Begleitung sorgt an dieser Stelle für Halt, Einordnung und Distanz – und schützt davor, Muster zu retraumatisieren, statt sie zu verstehen.
Wie erkennst du, dass du gerade überfordert bist?
Überforderung taucht öfter als beiläufiges Symptom auf, denn als ein konkretes Zeichen. Achte auf folgende Signale:
- Druck im Brustkorb
- innere Unruhe
- Gedankenrasen oder vollständige Leere
- starke Scham oder Selbstkritik
- plötzliche Müdigkeit oder Rückzug
Das sind klare Zeichen dafür, dass du eine Pause brauchst. Vielleicht holst du dir auch Unterstützung.
Hol dir einen Sparringspartner
Meine ganz ehrliche Erfahrung: Du wirst sowieso Gesprächspartner suchen für all die Fragen und Erkenntisse, die du haben wirst. Wieso also nicht gleich eine gute Freundin oder jemanden aus der Familie bitten, mit dir gemeinsam in deine Geschichte abzutauchen? Im Dialog kann man einfach viel besser denken, weil man sich nicht mit Gedankenfetzen aufhält, sondern Gedanken fertig formulieren und aussprechen muss. Außerdem wird dein Gegenüber neugierige Fragen haben, die dich die Geschichte aus neuen Perspektiven betrachten lassen. Und: So kann die andere Person mit drauf aufpassen, wie es dir geht und wann du Pausen machen solltest.
Fazit: Genogrammarbeit ist kein Projekt für einen Nachmittag
Genogrammarbeit ist kein Bastelbogen für Sonntagnachmittage, sondern ein Prozess, mit dem du länger zu tun haben wirst. Sie zeigt dir nach und nach, warum du so fühlst, reagierst und handelst. Sie macht sichtbar, was du unbewusst mit dir herumträgst – und gibt dir die Möglichkeit, ein paar Störstellen in deinem Leben abzuschleifen.
Du musst nicht alles auf einmal verstehen. Und auch nicht alles am Stück oder alles allein machen.
Du kannst aber einfach mal loslegen, neugierig sein und nachfragen. Das, was du weißt, aufschreiben und vielleicht einmal ein erstes Genogramm selbst zeichnen. Die ersten Erkenntnisse – oder zumindest die nächsten spannenden Fragen 🙂 – ergeben sich dann von selbst.
Du hast noch Fragen?
Wie viel muss ich über meine Familie wissen, um ein Genogramm zu erstellen?
Du kannst zu jedem Zeitpunkt ein Genogramm erstellen, ganz egal, wie viel du schon weißt. Gerade in den Lücken entdeckt man oft die spannendsten Frauragen und es offenbaren sich Details, die du dann nach und nach erfragen und recherchieren kannst.
Wie lange dauert es, ein Genogramm zu erstellen?
Das kommt ganz darauf an, welche Fragestellung du hast, und wie tief du einsteigen willst. Für ein Genogramm zu einer einfachen Fragestellung oder aus Neugierde rechne mit etwa 1,5 – 2 Stunden nach einem Vorgespräch von etwa einer Stunde. Ein komplexerer Prozess dauert entsprechend länger.
Was bringt mir ein Genogramm konkret?
Du bekommst einen Überblick über dein “emotionales Erbe”, kennst die Stärken und Schwächen, die in deiner Familie liegen, und kannst so die Blockaden lösen, die dich heute in deinem Leben ausbremsen.
Kann ich ein Genogramm auch am Computer erstellen?
Ja, das geht. Es gibt dafür einige spezielle und einfachere Programme, die sogar kostenlos nutzbar sind. Sogar über Word oder Canva kannst du Genogramme erstellen. Für den systemischen Prozess reichen aber Stift und Zettel vollkommen aus – und sind dabei viel flexibler. 🙂 Ich werde demnächst einen Blogartikel über kostenlose Programme schreiben – schau einfach mal wieder vorbei.
Reiße ich mit einem Genogramm nicht alte Wunden auf?
Es ist gut möglich, dass schmerzhafte Erkenntnisse oder Erinnerungen auftauchen, aber es liegt darin die Möglichkeit, alte Wunden heilen zu lassen – so wie körperliche Wunden erst dann richtig heilen können, wenn man ihnen die nötige Aufmerksamkeit schenkt, sie säubert und gut verbindet.
Muss ich da auf jeden Fall mit meiner Familie sprechen?
Nein, gar nicht, wenn du nicht magst. Entweder du arbeitest einfach mit dem, was du weißt – oder du besorgst dir Informationen über Ämter und Archive. Beides funktioniert ebenfalls.
Was ist, wenn ich schmerzhafte Geheimnisse aufdecke?
Das ist Teil des Prozesses. Sollte es in deiner Familie Geheimnisse geben, die dein Leben unbewusst beeinflussen, ist es sogar sehr wichtig, darüber Bescheid zu wissen. Erst dann ist es möglich, mit dem, was da passiert ist, einen eigenen Umgang zu finden. Es geht dabei um Integration, nicht um Retraumatisierung. Du hast mich an deiner Seite, versprochen.
Und falls du jetzt noch Fragen hast – melde dich einfach bei mir! Tut nicht weh 🙂